Ein Zuhause zum Mitnehmen

Es ist ein grauer Tag mitten im Winter, aber an einem Tisch im Café Viktor im Bismarckviertel hat sich eine bunte Gemeinschaft zusammengefunden, um mit mir übers Kochen zu reden. Es geht um das Projekt Home in a Bowl II. Die Idee ist so einfach wie genial – ein internationales, interkulturelles Kochbuch, das davon erzählt, wie zuhause gekocht wird. Weil es in Augsburg so viele verschiedene Nationalitäten gibt, sind es sehr unterschiedliche Gerichte von sehr unterschiedlichen Köch*innen, die vorgestellt werden. Aber der Reihe nach.

46% der Augsburger*innen haben inzwischen einen Migrationshintergrund, und ich zähle auch dazu: zwar bin ich in München geboren und in Deutschland aufgewachsen, aber meine Mutter kommt aus Budapest. Mein Deutsch ist akzentfrei, mein Nachname eindeutig deutsch – ich bin die unsichtbare Migrantin. Wie so viele andere kenne auch ich das Gefühl, in zwei Sprachen zu denken und zu fühlen, und damit einen Spagat zwischen zwei Identitäten zu machen. Zum Schönsten dabei zählt es, Freunde zu bewirten und ihnen Gerichte von zuhause zu zeigen, dazu davon zu erzählen, zu welchem Anlass es welches Gericht gab, und wie meine Großmutter das zubereitet hat. Ich weiß gar nicht, warum meine Großmutter und nicht meine Mutter hierbei der Maßstab der Dinge ist, aber nach einer kurzen Umfrage in meinem Freundeskreis stellt sich heraus, dass Omas Küche einfach die Beste ist: es häufen sich Geschichten von Suppen, Eintöpfen, Gebäck und Marmelade. 

Kein Wunder also, dass im Jahr 2014 ein Grüppchen Augsburger*innen beschloss, sich auf eine spannende Reise zu begeben: sie sollte durch die Küchen von Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern führen, die in Augsburg ihre Heimat gefunden haben. Was sind ihre Lieblingsgerichte? Und was erzählen die Köch*innen, über sich, ihre Herkunft, ihre Geschichte, während sie diese Gerichte zubereiten? Kann die große Gemeinsamkeit aller Menschen, das Kochen und Essen, genutzt werden, um interkulturelle Brücken zu bauen, gerade angesichts der vielen Schutzsuchenden, die in den letzten Jahren zu uns gekommen sind?

Das Kochbuch Home in a Bowl erschien Ende 2015, mit einer ersten Auflage von 1100 Exemplaren, der wegen großer Nachfrage in und um Augsburg bald eine zweite folgte. Ein großer Teil des Gewinns ging an verschiedenen Hilfsprojekte für Flüchtlinge in Augsburg.

Die Mitglieder des Vereins Home in a Bowl

Seitdem sind ziemlich genau drei Jahre vergangen, und anders als erhofft, hat sich die gesellschaftliche Lage nicht entspannt, sondern wurde im Gegenteil von Medien und Politik  immer weiter hochgeschaukelt. Man fordert die Schließung von Grenzen, schnellere und härtere Abschiebungen von Geflüchteten, und Menschen mit Migrationshintergrund werden oftmals ausgegrenzt und angefeindet. Dazu sagt Tanja Blum, Mitbegründerin des Projekts: “Mit unserem Verein und unseren Projekten möchten wir ein Zeichen setzen und deutlich machen, wie bereichernd gesellschaftliche Vielfalt ist. Vielleicht können wir nicht die ganze Welt verändern, aber wir können erste Schritte tun. Und die Kochkunst ist nur einer von vielen Bereichen, der unserer Meinung nach von Vielfalt profitiert! Mit unserem Kochbuch möchten wir mehr Menschen neugierig auf neue, unbekannte Geschmäcker und auf die persönlichen Geschichten ihrer Mitmenschen machen.”

Höchste Zeit also, Kochbuch Nummer zwei herauszubringen! Home in a Bowl II enthält 40 Rezepte von 21 Köch*innen unter Anderem aus Peru, Israel, Bulgarien, England und Syrien. Und fünf dieser kochlustigen Menschen konnte ich für ein Gespräch gewinnen: eine Deutsche, ein Palästinenser, eine Peruanerin, eine Thailänderin und eine Bulgarin sind meiner Einladung ins Café Viktor gefolgt, um ein bisschen von sich zu erzählen.

Reihum stellen sich meine Gesprächspartner vor, und schnell verlagert sich das Gespräch von Herkunft und Beruf zur Kreativität. Dessy und Nonti singen in Bands, und Omar malt und wollte immer schon Gesangsunterricht nehmen. Man ist sich einig, dass Kunst ein wichtiges Ventil ist, um allerlei innerem Druck Luft zu verschaffen. Dessy ist diejenige, die den Zusammenhang zwischen Kunst und Kochen herstellt: Musik und Essen sind die zwei großen Dinge, die alle Menschen ohne Worte verbinden können.

v.l.n.r. Julia, Omar, Yahaida, Nontira, Desislava
Bild (c) Cornelia Salz

Und darum geht es den Fünfen an diesem Tisch: sie wollen Verbindung schaffen, Erfahrungen und Geschichten teilen, einen Beitrag leisten zu der Stadt, in der sie ein Zuhause gefunden haben. Julia, im Vorstand des Vereins Home in a Bowl, ist gebürtige Deutsche, hat aber durchaus ihre eigenen Erfahrungen mit Migrationsgeschichte, als in Deutschland geborene Enkelin serbischer Großeltern und Ehefrau eines türkischen Mannes. Sie arbeitet als Bildungsreferentin für die Werkstatt solidarische Welt, die zum Weltladen gehört und hat für mich die Köch*innen im Viktor zusammengetrommelt.

Als ich frage, wie die einzelnen Köch*innen zu dem Projekt gekommen sind, ist die Antwort einhellig: Man kennt sich in Augsburg. Das Grandhotel Cosmopolis findet Erwähnung, wie auch die Metzgerei; die Teilnehmer für Home in a Bowl fanden sich über Mundpropaganda. Omar zum Beispiel kam zu einem der offenen Kochtreffen, die jeden ersten Mittwoch im Monat in dem Jugend- und Kulturzentrum “Villa”, stattfinden. Er zauberte für die ganze Mannschaft gefüllte Paprikaschoten mit Bulgur, eine Art Ratatouille, Mnasalleh, einen Kichererbseneintopf auf palästinensische Art, panierten Blumenkohl und zum Nachtisch Knafeh, eins der beliebtesten Desserts im ganzen Nahen Osten. (Diese Gerichte sind auch im Buch zu finden.)

Omar

Der Sohn palästinensischer Eltern ist ein Weltbürger: er ist in Syrien geboren, hat in Polen studiert und lebt seit 2008 mit seiner Frau und einer kleinen Tochter in Augsburg.

Auch Yahaida aus Cuzco in Peru hat zwei Kinder. Sie lebt seit 8 Jahren in Augsburg und erzählt, dass sie bei dem Kochbuchprojekt mitgemacht hat, weil sie ihre Kultur teilen möchte. Bekanntermaßen halten viele Deutsche die Kartoffel für einen wichtigen Bestandteil der deutschen Küche und Kultur. Das ist allerdings kein Vergleich zu Peru, wo es mehrere Tausend verschiedene Sorten gibt. Neben einer Kartoffelspeise hat Yahaida einen (extrem leckeren) Cocktail und ein Plätzchenrezept zum Buch beigesteuert. Sie war in Peru im Hotelgewerbe tätig und hat sich dort zu ihrer eigenen Überraschung in einen Gringo aus Deutschland verliebt. Details zu dieser spannenden Geschichte finden sich im Buch!

Yahaida

Die Frage nach den Erfahrungen der Expats in Deutschland führt zu regen Erzählungen. Spannenderweise sind die meisten ausgerechnet im Winter das allererste Mal nach Deutschland gekommen (und fanden es demzufolge erschreckend, grau und kalt und unfreundlich). Da ist es dann natürlich noch viel wichtiger, die Geschmäcker von zuhause dabei zu haben, schließlich ist für ein Gefühl von Geborgenheit manchmal gar nicht mehr nötig als ein wohlig voller Magen. Ganz einfach ist es aber nicht immer, die nötigen Zutaten zu finden. Dessy zum Beispiel war schockiert über die kleinen Packungen, in denen in Deutschland Feta zu haben ist. Der Käse ist fester Bestandteil der bulgarischen Küche und wird dort in 1kg-Würfeln verkauft.

Dessy

Dessy stammt aus Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, und lebt seit sechs Jahren hier. Sie hat in Augsburg sozialwissenschaftliche Konfliktforschung studiert und in der Unibibliothek eine der Begründerinnen des Vereins, Tanja Blum, kennengelernt. Die von ihr beigesteuerten Rezepte sind pochierte Eier auf panagjurische Art und Tikwenik, ein süßer Kürbisstrudel. Quirlig und umtriebig ist Dessy, und findet neben ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit bei der bulgarischen Sonntagsschule noch Zeit, in gleich mehreren Bands zu singen, beispielsweise in der Boogie-Band Mr Hill.

Nontira spielt ebenfalls in einer Band, auch wenn Mississippi Isabel stilistisch eher in die ruhigere, folkige Richtung gehen. Die Grafikdesignerin und Illustratorin kommt aus Thailand, ist allerdings in Deutschland geboren.

Nonti merkt im Gespräch lachend an, dass Essen in Thailand das Wichtigste sei, man denke Tag und Nacht an Essen. Entweder geht es darum, was man gegessen hat, oder darum, wann und wo man das nächste Mal etwas essen kann!

Ihr Frühlingsrollenrezept findet sich im Buch und sieht zum Anbeißen aus, neben einer Buddha Bowl, Austernpilzen mit Thai-Basilikum und einem Tofu Chicken-Style. (Die allermeisten Gerichte im Kochbuch sind vegetarisch oder vegan.)

Die verschiedenen Kulturen, die in Augsburg aufeinandertreffen, führen dazu, dass sich die Köch*innen hier sehr wohl fühlen und überwiegend positive Erfahrungen gemacht haben. Trotzdem haben fast alle auch von Ausgrenzung und Diskriminierung zu berichten. Da ist die Geschichte von Nonti, die sich im Kindergarten rassistische Reime anhören musste, oder die von Dessy, die bei einem Bummel mit einer bulgarischen Freundin von einer aggressiven Deutschen angegangen wurde, wie sie es wagen könne, in Deutschland nicht deutsch zu sprechen. Diese Geschichten machen mir noch deutlicher, wie wichtig und unterstützenswert so positive, lebensfrohe Projekte wie Home in a Bowl sind. Essen ist Emotion, ist Zuhause und Familie und Rettung, und es macht uns empfänglich für neue Erfahrungen, für Erzählungen von anderswo. 

Nach vielen Kaffee-Nachbestellungen, Geschichten und Gelächter an dem kleinen Cafétisch im Bismarckviertel verabschieden wir uns voneinander, und ich habe das Gefühl, fünf neue Freunde gewonnen zu haben. Auf dem Heimweg begleiten mich Gedanken zu unser aller Grundbedürfnissen. Gemeinschaft, Wärme, Geborgenheit, und was Gutes zu Essen. Vielleicht ist das mit dem Zusammenleben gar nicht so schwierig, wie man manchmal glauben möchte. Und vielleicht sollten wir alle uns öfter gegenseitig zeigen, wie bei uns zuhause gekocht wurde. 

Wer jetzt neugierig auf die vielen Rezepte und Geschichten geworden ist, kann das Buch an folgenden Orten erwerben: Kolonial, Pustet, Weltladen, K41, Grandhotel, Lokalhelden, Buchhandlung am Obstmarkt, Bücherinsel, Kätchens, Schlossersche oder in der Buchhandlung Schmid in Schwabmünchen. Online gibt’s das Buch auf der Homepage, wo neben einer Bestellmöglichkeit auch ein Einkaufsguide für die in Deutschland weniger gebräuchlichen Zutaten zu finden ist.

Der Verein Home in a Bowl trifft sich das nächste Mal am 20. Februar ab 18:30 in der Metzgerei, Haunstetter Str. 23. Neugierige sind herzlich willkommen!

Wir verlosen ein Exemplar des Kochbuchs Home in a Bowl II! Alles, was ihr tun müsst, um teilzunehmen, ist bis zum 26.01.19, 23:59 Uhr diesen Artikel auf Facebook mit “gefällt mir” zu markieren und dazuzuschreiben, warum ihr das Buch gerne haben wollt. Die Teilnahmebedingungen finden sich hier.