Praktisch digital?

Jonglieren mit Klopapierrollen, Schwimmen in der Badewanne oder Gesangsunterricht im Stream – wie läuft das digitale Semester in den praktischen Studiengängen an Uni und Hochschule ab?

© Fotos: Balthasar Zehetmair, Bearbeitung: Antonia Herb

Gut einen Monat läuft das Digitalsemester jetzt und die meisten von uns haben sich bereits an die neue Situation gewöhnt. Die ersten Startschwierigkeiten mit Zoom und Co. sind überwunden; inzwischen denkt jeder daran, sein Mikro anzuschalten, bevor er spricht und man hat sich abgewöhnt, ständig das eigenen Bild zu betrachten.
In vielen Fällen konnten die Lehrenden ihre Vorlesungen und Seminare ohne große Abstriche auf Online umstellen. Vieles ist wie immer: unsere DozentInnen erzählen etwas und wir hören zu – oder auch nicht.
Was aber, wenn es damit nicht getan ist? Wenn wir nicht durch ein Kreuz bei Multiple Choice oder eine Hausarbeit geprüft werden, wo es (relativ) egal ist, ob der Stoff nun in einem Vorlesungssaal oder online auf uns herab prasselt? Was, wenn wir physisch üben müssen, um guten Noten zu bekommen und auf Praxis vor Ort angewiesen sind? Presstige hat nachgefragt, wie das Studium in den praktischen Studiengängen der Uni und der Hochschule Augsburg gerade abläuft.

Sport

Besonders die SportlerInnen trifft es natürlich hart, dass vorerst keine Trainingsmöglichkeiten bestehen. Pauline, 20, studiert im 4. Semester Sport auf Lehramt für Mittelschule: “Das war schon ein schwerer Schlag, als klar wurde, dass wir keine Praxisphasen haben”. Auch Basti und Lilli von der Fachschaft Sport halten es für wichtig, dass die SportlerInnen bald wieder üben können, “denn ohne praktische Ausbildung und ohne ausreichend Training können wir Sportler nur begrenzt Erfolge verzeichnen”. Für sie ist klar, dass Theorie und Praxis gleichermaßen elementare Teile des Sportstudiums sind, die normalerweise parallel unterrichtet werden. 

Aktuell sieht die Lösung so aus, dass Theorie- und Vorlesungsinhalte über Zoom zur Verfügung gestellt werden. Manche DozentInnen versuchen außerdem auch praktische Übungen online zu vermitteln. Pauline hat dieses Semester zum Beispiel Turnen belegt. Hier sind von zu Hause aus nur Kraft- und Stabilisationsübungen möglich. Viel mehr können die Lehrenden ihren StudentInnen aufgrund der Verletzungsgefahr und der fehlenden Ausrüstung nicht zutrauen. Also haben sie per Ferndiagnose die Fitness ihre StudentInnen getestet und Trainingspläne zusammengestellt. Dadurch sollen die Studierenden auf das tatsächliche Turnen vorbereitet werden, falls dies später im Semester noch stattfinden kann. Auch andere DozentInnen sind kreativ geworden und haben Tutorial-Videos aufgenommen, um ihren StudentInnen zum Beispiel das Jonglieren beizubringen. 

Um ihnen die Wahl zu lassen, wurden die Studierenden zu Beginn gefragt, ob sie aus den Kursen austreten oder sie auch unter Online-Bedingungen ablegen möchten. Einige Kurse werden allerdings erst wieder nächstes Jahr angeboten, wodurch sich die Studienzeit verlängern kann, wenn man sich dazu entscheidet, an einem Angebot nicht teilzunehmen.
Gedanken macht sich Pauline über das Leichtathletik-Examen, welches im August ansteht. Schließlich konnten bisher nur Laufdisziplinen trainiert werden. Die festgelegten Zeiten und Weiten, die beispielsweise in Sprungdisziplinen gelten, werden die StudentInnen für gute Noten wohl trotzdem erreichen müssen, obwohl das Training anders verlief als in den Jahren zuvor. Auch die Fachschaft befürchtet, “dass durch kürzere Trainingszeiten eine faire Benotung der Prüfungen am Ende des Semesters nicht gewährleistet werden kann”.
Es entstehen aber auch noch einige andere Probleme für die SportlerInnen in diesem Semester. Viele Materialien oder Anlagen sind zu Hause einfach schwer zu ersetzen. Speerwurf im Garten oder Schwimmtraining in der Badewanne? Eher schwierig. Das Kontaktverbot hat auch Mannschaftssportarten unmöglich gemacht, wobei es hier nun wieder erste Lockerungen gibt. Fußball, Handball oder Volleyball ohne Mannschaft und ohne Gegner sind schließlich schwer vorstellbar. Und Training mit Atemmaske ist natürlich auch keine ernsthafte Alternative.
Die Fachschaft betont außerdem, dass der fachliche und freundschaftliche Austausch mit Kommilitonen und Dozierenden fehlt. Das Sportzentrum als gemeinsamer Treffpunkt fällt vorerst weg.

Nichts desto trotz kommt es auch zu witzigen Momenten in der Online-Lehre. Pauline erzählt von einem Dozenten, der sich immer passend zum Thema seiner Zoom-Vorlesung kleidet. Und in den Jonglage-Videos demonstrieren die Lehrenden, dass man genauso gut mit Klopapierrollen, zusammengerollten Socken oder Unterhosen jonglieren kann. Einen Lichtblick gibt es zumindest: nach den Pfingstferien sollen erste Präsenzveranstaltungen wieder möglich sein.

© Balthasar Zehetmair

Musik

Vom Sportzentrum aus ungefähr am anderen Ende des Uni-Sees befindet sich das Zentrum für Kunst und Musik. Hier haben wir bei der Fachschaft Musik nachgefragt, was es denn jetzt genau bedeutet, während dieser Pandemie Musik zu studieren. Für die MusikerInnen findet der Einzelunterricht ebenso wie alle Vorlesungen in nicht praktischen Studiengängen per Videoplattform statt. Johanna hat das Glück dieses Semester kaum praktische Fächer belegen zu müssen. Sie studiert Realschullehramt mit den Fächern Mathe und Musik im 6. Semester und lernt momentan wie der Rest der Uni in Vorlesungen via Zoom. Nur beim Klavierunterricht muss sie kreativ werden. “Wir skypen so, dass ich die Kamera auf die Tastatur gerichtet habe und Ton machen wir über Telefon, weil das besser funktioniert. Ich habe meiner Klavierlehrerin die Noten halt eingescannt, damit sie von zuhause mitlesen kann”. Abgesehen davon, dass die Stimmung persönlicher und netter ist, wenn ihre Klavierlehrerin neben ihr sitzt und es für sie leichter ist mitzulesen, was Johanna spielt, ergeben sich auch Schwierigkeiten, wenn die Verbindung mal schlecht ist. “Manchmal singt meine Klavierlehrerin mit oder zählt den Takt mit und das ist dann immer ein bisschen versetzt und verwirrt mich immer viel mehr als dass es mir hilft”. Die MusikstudentInnen dürfen momentan nicht die Übungsräume der Uni Augsburg für ihr Instrumentalspiel nutzen. Oft ist die Ausstattung dort sehr viel besser als zuhause. Im Präsenz-Semester würden sie an einem Flügel üben, jetzt muss notfalls das billige E-Piano herhalten. Die Fachschaft ist allerdings relativ zufrieden, obwohl Zoom und Co. nicht den persönlichen Unterricht ersetzt, scheint alles doch besser zu funktionieren als gedacht. Auch das Erlernen eines neuen Instruments scheint durch kreative Online-Lösungen kein Problem. Das verdanken sie, wie sie finden, ihren DozentInnen und sind froh, dass alles den Umständen entsprechend gut klappt. Einige Veranstaltungen mussten allerdings trotzdem komplett gestrichen werden, wie Ensembles und der Gruppeninstrumentalunterricht. Diese machen nur live wirklich Sinn. Auch die Konzertreise des Kammerchors der Uni Augsburg nach Italien findet verständlicherweise nicht statt.

Johanna hat keine Klavier-Prüfung in diesem Semester, deshalb empfindet sie es nicht als dramatisch. Sie sieht sogar die Vorteile. Ihre Klavierlehrerin wohnt nicht in Augsburg und wäre in einem normalen Präsenz-Semester nur alle zwei Wochen an der Uni um Unterricht zu geben. “Für mich ist es einfach von Vorteil, wenn ich wöchentlich üben kann”. Anders sieht das bei einer Freundin von Johanna aus. Sie musste ihre Gesangsabschlussprüfung um ein Semester verschieben. Obwohl Gesangsunterricht von den verschiedenen Lehrenden online angeboten wird, findet Johanna das absolut nicht sinnvoll. “Bei Gesang kommt es darauf an, dass der Gesangslehrer sieht, wie du atmest, wie sich deine Rippen beim einatmen bewegen, ob du dein Kinn ein bisschen zu hoch hast. Dann müssen die ganz genau hinhören, ob man ein leichtes Kratzen hört oder sich irgendwas eng anhört und das geht einfach nicht über Skype. Also das stelle ich mir schon sehr schwer vor.” 

Johanna wird keinen Nachteil durch COVID-19 erleben. Für sie kommt diese Herausforderungen in der Lehre in einem recht gelegenen Semester. Sie muss nichts verschieben oder Angst vor Nachteilen haben. Ihr Studienplan wird davon nicht eingeschränkt. Die Fachschaft hofft, dass für niemanden Nachteile entstehen. Nur für die Kandidaten für die Eignungsprüfungen ihres Studiengangs wird es umständlicher. Sie können nicht anständig vorbereitet werden, nicht wie die letzten Semester. Ob das für sie zum Nachteil wird, bleibt abzuwarten. Die meisten Kurse finden allerdings statt und auch von der Uni fühlt man sich nicht alleine gelassen. “Aber was sollen sie auch machen. Das ist auch bisschen schwierig. Verloren fühle ich mich aber nicht”, sagt Johanna. „Man findet so seinen anderen Weg. Nur weil ich nicht in der Uni musiziere, heißt das ja nicht, dass ich gar keine Musik mehr mache.”

Für die meisten von uns mittlerweile ein täglicher Anblick
© Lara Reile

Kommunikationsdesign

Lara, 22 Jahre, studiert Kommunikationsdesign im 6. Semester an der HS Augsburg. Sie erzählt, dass man in ihrem Studiengang normalerweise viel Zeit vor Ort an der Hochschule verbringt und in kleineren Kursen mit den Kommilitonen eng zusammenarbeitet und sich austauscht. Ihre Kurse finden momentan zum großen Teil online statt, was je nach Inhalt unterschiedlich gut klappt.
Zum Beispiel gibt es Gestaltungsateliers, die auf praktische Arbeit ausgelegt sind. Da gehen die Studierenden normalerweise in Werkstätten oder ins Fotolabor, um praktisch zu arbeiten. Das ist momentan nur im Ausnahmefall unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen möglich. Normalerweise würden die StudentInnen viel Zeit in den Werkstätten verbringen und hätten die Möglichkeit, selbstständig zu arbeiten. Lara findet es gut, „dass unser Dozent da wenigsten noch irgendwas rausholt, aber es ist halt nicht das Gleiche“.
In einem anderen Kurs, den sie dieses Jahr belegt, sollten die Studierenden eigentlich lernen, wie sie sich online und in ihrem Portfolio vor Arbeitgebern präsentieren. „Das ist super wichtig für uns, weil das Portfolio sehr viel zählt, wenn man sich bewirbt“, berichtet Lara. Die Noten seien im Vergleich zu anderen Studiengängen nicht so wichtig, dafür kommt es aber besonders darauf an, dass die Projekte überzeugen. Deshalb wäre es eigentlich Pflicht, dass die StudentInnen ins Fotostudio gehen, um ihre Projekte professionell in Szene setzen zu können. Das geht jetzt aber nicht, weil sonst viele Einzelteile wie z.B. die Kameras desinfiziert werden müssten. Auch die technischen Möglichkeiten, die die Hochschule normalerweise bietet, fehlen: Projekte können nicht vorab gedruckt und Ausrüstung wie Kameras nicht ausgeliehen werden. 

Vor allem der kreative Austausch und die gemeinsame Ideenfindung ist für die StudentInnen schwieriger geworden. Normalerweise würden sie zusammen Mindmaps machen oder Post-Its schreiben und sich dabei austauschen. Dafür gibt es zwar auch Online-Module, aber der Prozess ist hier zäher und schwieriger. In einer Gruppenarbeit hat Lara beispielsweise Post-Its für alle geschrieben und sie bei sich auf dem Zimmerboden arrangiert, weil es praktischer ist, als ein Online-Tool zu benutzen.
Auch an der Hochschule sind kreative Lösungen entstanden, um mit der Situation umzugehen: In einem Kurs über das 16. Jahrhundert versuchen Dozenten zum Beispiel mit virtuellen Hintergründen und musikalischer Unterstützung die Atmosphäre der Epoche zu transportieren und machen dabei von den Möglichkeiten, die Zoom und Co. schließlich auch bieten, Gebrauch.

Kunst

Wieder zurück im Zentrum für Kunst und Musik leiden auch auf dem Uni-Campus künstlerische StudentInnen unter der aktuellen Situation. Anne studiert im 4. Semester Anglistik/Amerikanistik mit dem Nebenfach Kunstpädagogik. Im Kunststudium findet trotz Digitalsemester Unterricht statt, nur etwas abgeändert. Der Großteil der praktischen Seminarinhalte kann von zuhause aus in Eigenarbeit stattfinden. Anne erzählt uns, dass in den Praxisseminaren wöchentliche Anregungen und/oder Arbeitsaufträgen von den DozentInnen per Text oder Video eingespielt werden. Quasi als Inspiration für die eigenen Projekte, durch die man tätig werden soll. “Für zeichnerische oder malerische Seminare geht das ganz gut, aber aus einem Seminar musste ich austreten, weil ich zuhause einfach nicht die erforderlichen Werkzeuge habe, wie Gips oder Ton”. Sie vermisst außerdem das regelmäßige Feedback, dass normalerweise während der Veranstaltung gegeben wird. Durch das Hochladen von Fotos während des Entstehungsprozesses, wird zwar versucht das zu ersetzen, Anne findet aber, dass man trotzdem viel mehr auf sich selbst gestellt ist also sonst.

Eigenarbeit ist aber nicht in allen Veranstaltungen möglich. Einige Seminare mussten abgesagt werden, bei anderen hofft man, dass die Inhalte als Blockseminar am Ende des Semesters vermittelt werden können. Das betrifft vor allem Seminare für die man spezifische Räumlichkeiten (zum Beispiel Fotolabor) oder bestimmte Werkzeuge (zum Beispiel zur Holzbearbeitung) braucht. Um keinen Studierenden zu benachteiligen, bietet der Lehrstuhl für jedes Modul zumindest ein Seminar an. So können die Studierenden das nötige Modul abschließen. Optimal findet Anne das allerdings nicht, immerhin könnte das angebotene Seminar außerhalb des eigenen Interessenbereich liegen. “Ich habe versucht meine Wunschseminare auf ein späteres Semester zu verschieben”. Trotz anfänglichen Chaos und vielen Fragen von den Studierenden funktioniert das digitale Semester aber recht gut. Vor allem die Lehrenden geben sich viel Mühe, stehen zur Verfügung und versuchen so gut es geht zu unterstützen, findet Anne. “Ist zwar nicht ideal alles, aber ich habs mir ehrlich gesagt schlimmer vorgestellt”

Unser Fazit:

Ein übergreifendes Problem, von dem uns Studierende mehrerer Fächer berichtet haben: Semesterpläne, die sie sich sorgfältig zusammengebaut haben, können nicht eingehalten werden. Das bedeutet für manche, dass sie ein zusätzliches Semester dranhängen müssen und das nicht einmal selbstverschuldet.
Lichtblick: die meisten Dozenten bemühen sich wirklich, das Semester so gut wie möglich zu gestalten. Es ist schließlich für alle eine neue Situation und die meisten hoffen natürlich darauf, dass die Präsenzlehre so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden kann. Denn unabhängig davon, ob praktischer oder nicht-praktischer Studiengang, wir vermissen unseren wunderschöne Campus und die Mittagessen in der Mensa.