„Saloonfähig!“

Exklusiv in presstige: Das erste Print-Interview der Augsburger Outlaw-Country-Band „The Got All Bradies“

Von Michael Sentef

// INTRO //

„Hello, I‘m Johnny Cash!“ Wir schreiben das Jahr 1968. Jubel unter den Häftlingen im „Folsom Prison“. Johnny Cash wird hier einen unvergesslichen und bis heute unvergessenen Auftritt hinlegen, Meilenstein in der Karriere der Country-Legende. Moment mal: Country-Legende?

// REWIND //

Wir schreiben das Jahr 2006. Die Augsburger Country-Band „The Got All Bradies“ erzählt auf ihrer myspace-Seite (www.myspace.com/ bradies) die wahre Geschichte von Johnny Cash, nicht Musik- Revolutionär und Pionier, sondern Emporkömmling im Windschatten der Bradies, die einst die Ehre ihres Vaters „Old King Brady“ retten mussten, dazu einen Pakt mit dem Teufel schlossen und Luzifer hinter das Licht führten, indem Sie im Kleingedruckten festlegten, dass der Vertrag unwirksam würde, wenn es ihnen gelänge, sogar im verhassten Nashville, Tennessee, die Menschen mit ihrer Musik zu begeistern. Es gelang ihnen. In ihrem Sog gelangte Johnny Cash zu Weltruhm und nun sind die Bradies erneut ausgezogen, um auch den Wilden Westen Bayerns zu countrysieren.

// FAST FORWARD //

Wir schieben den Vorhang beiseite und blicken hinter die Kulissen. Wer steckt hinter den Bradies – Sänger „Skirty“, Gitarrist „Brady jr.“, Drummer „Locke“ und Bassist „Zed“ – wer sind sie wirklich?

// DIE STUDENTEN, DIE DIE BRADIES SIND //

Mai 2007, Montagabend im „Pavian“, dem Club mit Wohnzimmer- Atmosphäre, in dem die Reise der Bradies im Frühjahr 2006 begann. Eine Freundin hatte die Jungs zusammenbrachte und diese beschlossen kurzerhand: „Wir gründen eine Country-Band!“ Heute schließt sich der Kreis. Sänger Andreas Keilholz (28), Gitarrist Christian Hutter (28), Schlagzeuger Dominik Menno (26) und Bassist Thilo Zimmermann (26) betreten das Lokal. Als genügend Bier auf dem Tisch steht, unterhalten wir uns über die Bradies – woher sie kommen, wohin sie gehen, was sie bewegt und was sich durch die Band für sie verändert hat.

presstige: Was wollt ihr mit eurer Musik erreichen?

Andreas: Eigentlich nichts … (lacht). Für mich persönlich ist das vielleicht so eine Art Therapie. In den Texten verarbeite ich Tiefpunkte in meinem Leben. Wenn wir dann die Lieder live spielen, merke ich oft durch die Reaktion des Publikums, welche Komik darin steckt – und dass ich viele Dinge mit mehr Humor nehmen sollte. Christian: Das ursprüngliche Ziel war ein Auftritt im „Lamm“. Das hatten wir nach drei Monaten erreicht und seither habe ich keine Zeit mehr, über Ziele nachzudenken. Jedenfalls wollten wir damit nicht berühmt werden. Dominik: Wenn bei uns etwas schief läuft, wir uns zoffen oder so, wenn man eigentlich gar keinen Bock mehr hat, dann gibt es diese magischen Momente auf der Bühne. Wir gehen raus, Christian beginnt zu spielen, plötzlich bin ich hin und weg, die Musik reißt mich einfach mit – das ist es! Mir gibt die Musik einfach sehr viel. Außerdem gehe ich saugern auf die Bühne. Erreichen wollen wir eigentlich nichts … A: … nie ankommen! presstige: Seid ihr mit eurer Country … A: OUTLAW-Country!

presstige: … mit eurer OUTLAW- Country-Musik auch für junge Leute interessant?

C: Na wir machen Country für junge Leute. A: Wir machen eigentlich kei-nen astreinen Country, sondern wir machen vor allem Spaß! C: … und künftig wollen wir auch mit der E-Gitarre experimentieren. A: Genau! Mehr Rock’n’Roll reinbringen! Außerdem machen wir salonfähigen Country. Thilo: Saloonfähigen! A: Und im Endeffekt will doch jeder Cowgirl beziehungsweise Cowboy sein. Kurze Banddiskussion, welche Musik die Bradies eigentlich machen. Es stellt sich heraus, dass man die Musikrichtung Outlaw Country gewählt hat, um Hüte tragen zu können. Und um Frauen anzulocken.

presstige: Apropos Rock’n’Roll: Was war euer geilstes Band-Erlebnis?

D: Als ich im Pavian gratis saufen durfte. A: Niki dabei zu beobachten, wie er gratis saufen durfte. C: Die Backstage-Party beim Tieschen-Festival in Österreich – Stagediving in einem alten Stadtbus – genial! A: Und unser Mainz-Auftritt: Vor 50 Leuten angefangen, vor 2000 Leuten aufgehört. C: Als unser Manager und Fahrer Michi Köppel auf dem Rückweg am Autobahn-Rastplatz direkt vorm Klo geparkt hat und die Mütter Angst um ihre Kinder hatten …

Schallendes Gelächter. Weitere Stories über den Band- Manager und seine Marotten, noch mehr Gelächter. T: Das erste Konzert am 24. Mai 2006 – ich hatte drei Wochen zuvor zum ersten Mal einen Bass in der Hand gehabt.

presstige: Ihr kanntet euch vor Gründung der Bradies teilweise schon länger. Wie hat sich euer Verhältnis untereinander durch die Band verändert?

A: Ich habe die anderen Jungs erst durch die Band kennen gelernt. Die anderen Jungs wollten eine Country- Band gründen. Dann hat mich vor etwas mehr als einem Jahr die Babsi genau hier im Pavian gefragt, ob ich nicht mitmachen möchte, da ich schon Band-Erfahrung hatte. Ich habe noch in derselben Nacht „In My Quarter“ geschrieben, die Jungs fanden es gut – und so sind die Bradies entstanden.D: Eine Band – das ist wie eine Beziehung. Eher noch anstrengender. Für mich aber schwer zu vergleichen, ich hatte noch nicht so viele Beziehungen (grinst). Jedenfalls sind die Auftritte am besten, vor denen es richtig gekracht hat – eigentlich genau wie beim Sex in einer Beziehung … C: Das mit der Beziehung haut in etwa hin – wir kennen uns mittlerweile sehr gut, Stärken und Schwächen, und man nimmt jeden so, wie er ist. Andreas wippt zur Musik, Thilo lauscht gebannt. D: Und wir sprechen jetzt nicht mehr über jede Kleinigkeit.

presstige: Wie würdet ihr die Bradies in drei Wörtern zusammenfassen?

A: charmant – sexy – unheimlich unmusikalisch C: dreckig – derb – debil T: unverstärkt (wir spielen akustisch) – druckvoll (wir können auch rocken) – polarisierend (zum Beispiel mag uns der Markus vom Pavian nur als Bierkonsumenten, unsere Musik kann er nicht ausstehen) Die zweite Runde Bier wird bestellt.

presstige: Wie sehen eure Zukunftspläne aus?

D: Im Bahnpark Augsburg, inmitten all der alten Lokomotiven, hätten wir gern einen Hall-of-Fame-Eintrag. C: Ich habe den Jungs noch elf kleine Bradies versprochen – mein kleiner Sohn Noah Emilio soll als „Hank The Man Brady“ der erste von zwölf sein. A: Eine unsterbliche Platte machen – und dann durch Herzinfarkt beim Sex abtreten. D: Für „27 to heaven“ bist du mit deinen 28 Jahren doch schon zu alt! T: Mein Traum: Wenn Edmund Stoiber in vier Jahren wieder als Ministerpräsident kandidiert, ihn bei seiner Wahlkampftour musikalisch zu begleiten.

// OUTRO //

„Hallo, wir sind die Got All Bradies!“ Eine Woche nach dem Interview rocken die Bradies das Pavian und begeistern ihre Fans und auch neue Zuhörer. Sobald sie zu spielen beginnen, sind sie nicht mehr die Studenten, die die Bradies sind; sie sind einfach nur die Bradies. Drummer Dominik spielt sich in einen Rausch, legt am Ende ein furioses Finale hin und verrät hinterher: „So hab ich noch nie geschwitzt. Ich war völlig hin und weg von der Musik. Das ist das, was ich im Interview gemeint habe – für diese Momente machen wir Musik!“ |

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