50 Jahre ungleiche Bildungschancen an der Uni Augsburg

Die Uni Augsburg feiert ihren 50. Geburtstag! Wir wünschen alles Gute und freuen uns mit der Uni über alle Erfolge, die bisher gefeiert wurden. Doch wollen wir zu diesem Jubiläum nicht vergessen, dass der Zugang zum Studium nicht für alle der gleiche ist: für manche sind die Hürden höher als für andere.

Nur 21 von 100 Kindern aus nichtakademischen Familien entscheiden sich für ein Studium. Bei Kindern, bei denen mindestens ein Elternteil studiert hat, sind es dagegen 74 von 100.
Bild: Andrew Mcelroy auf UnSplash

Wusstest du, dass nur rund ein Fünftel der Kinder aus nichtakademischen Familien ein Studium beginnen? Bei Kindern aus akademischen Haushalten, bei denen mindestens ein Elternteil studiert hat, sind es dagegen 74 von 100 Kindern. Und während diese Kinder ihr Studium mit einer Wahrscheinlichkeit von 85% auch erfolgreich beenden, sind es bei Kindern aus nichtakademischen Haushalten nur zwei Drittel, die die Universität oder Hochschule mit Abschluss verlassen. Zu diesen Ergebnissen kam das Deutsche Studentenwerk im Jahr 2016. Der Bericht beschäftigt sich auch mit der finanziellen Situation von Studierenden: Kinder aus „Arbeiterfamilien“ beziehen öfter BAföG und verdienen ihren Lebensunterhalt zu einem größeren Teil durch Nebenjobs. Elterliche Unterstützung machen bei ihnen nur 33% der monatlichen Einkommen aus, im Vergleich zu immerhin 66% bei Akademikerkindern.

ArbeiterKind.de macht sich für Studierende stark, die als erste in ihrer Familie Universitäts- oder Hochschulluft schnuppern. Die Ortsgruppe in Augsburg besteht aus Studierenden und Absolvent*innen, die als Kinder aus nichtakademischen Familien selbst froh über die Unterstützung der Gruppe waren. Sie sprechen also auch von persönlichen Erfahrungen als „Arbeiterkinder“: „Die größte Hürde stellt der oftmals nicht vorhandene Zugang zu Informationen, beziehungsweise die Möglichkeit auf Erfahrungen in der eigenen Familie zurückgreifen zu können, dar,“ schreibt uns ArbeiterKind.de Augsburg per Mail. Dabei ginge es um Themen wie die Studiengangswahl, die Studienbewerbung, die Stundenplanerstellung oder Fragen zur Finanzierung oder BAföG-Antrag. Studierende würden an der Uni von einer „Außenseiterrolle“ berichten: Fragen, die für andere wie selbstverständlich beantwortet werden, bleiben offen und von zu Hause kommt oft weniger Unterstützung als bei Kindern aus akademischen Familien. Hinzu kommt, dass viele Studierende auch zu Hause eine „Außenseiterrolle“ einnehmen, wenn Verwandte und Bekannte die Entscheidung für ein Studium nicht nachvollziehen können. Warum man nur „faul“ studiere und nicht „richtig arbeite“, werde dann gefragt.

ArbeiterKind.de Augsburg steht Studieninteressierten und Studierenden mit Rat und Tat zur Seite, teilt Erfahrungswissen und spricht Mut zu. Die Gruppe hält auch Vorträge an Schulen, um Schüler*innen zu einem Studium zu ermutigen. Nach dem Abschluss bietet sie ein Netzwerk für den Einstieg ins Berufsleben.

Ungleichen Chancen führen dazu, dass die Hürden auf dem Weg zur Universität Augsburg für Kinder aus nichtakademischen Familien seit 50 Jahren immer ein wenig höher sind als für Kinder aus akademischen Haushalten. Es würden immer noch Vorurteile gegenüber Studierenden aus „Arbeiterfamilien“ bestehen meint ArbeiterKind.de Augsburg. Um diese abzubauen sind wir alle gefragt! Auch von der Uni Augsburg selbst wünscht sich die Gruppe „mehr Offenheit gegenüber Studierenden oder Studieninteressierten aus nichtakademischen Haushalten. Jede Uni und Hochschule sollte beispielsweise einen Beauftragten für Studierende mit besonderen Hürden haben“, schlägt die Gruppe vor und bezieht sich hierbei nicht nur auf das Elternhaus, sondern auch auf andere mögliche schwierige Situationen. Eine solche Funktion sei zwar in der Studienberatung integriert, würde aber dennoch häufig zu kurz kommen.

Ungleichheiten werden durch Corona-Krise verstärkt

Neben einem offenen Klima an der Universität besteht auch bei der materiellen Ausstattung der Studierenden Handlungsbedarf – gerade jetzt. Denn wie in vielen anderen Situationen auch gießt die Corona-Pandemie Öl in Feuer, die bereits brannten. Bestehende Ungleichheiten werden verstärkt. „Im Zuge der Corona-Pandemie sind viele Studi-Jobs weggefallen. Davon sind hauptsächlich Studierende aus nicht-akademischen Familien betroffen. Denn sie jobben öfter in fachfremden Jobs. Doch sie sind es auch, die auf ihre Nebeneinkünfte zur Finanzierung ihres Studiums angewiesen sind, weil sie wenig oder keine monetäre Unterstützung durch ihre Eltern erhalten“, meint ArbeiterKind.de Augsburg. Die Folge können Verschuldung oder Studienabbruch sein. Finanzielle Sicherheit ist eine Grundvoraussetzung dafür, sich auf sein Studium konzentrieren zu können. Die finanzielle Unterstützung der Studierenden durch den Staat wurde jedoch von vielen Betroffenen in Notlagen als unzureichend kritisiert. 500€ reichen oftmals nicht, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Sie wurden und werden zudem nur gewährt, wenn das Konto fetzenleer ist – und auch erst nach der Bereitstellung von Krediten, durch die Studierende gezwungen werden, Schulden aufzunehmen.

Aufgrund der Corona-Pandemie sind viele Studi-Jobs weggefallen, für viele auch der Job in der Gastronomie. Studierende aus nichtakademischen Familien sind davon stärker betroffen. Bild: Petr Sevcovic, auf UnSplash

Ein Studium von Zuhause aus setzt außerdem eine gewisse technische Ausstattung, eine gute Internetverbindung und einen Ort, an dem man konzentriert arbeiten kann, voraus. Auch diese Voraussetzungen sind nicht für alle Studierenden gegeben. Es kann nicht sein, dass Studierende Nachteile haben, weil die Prüfungsleistung aufgrund ruckelnder Internetverbindung nicht erbracht werden kann oder man sich erst eine Kamera, ein Mikrophon oder sogar einen Laptop besorgen muss, um ein Seminar erfolgreich zu bestehen. Die Präsidentin der Universität, Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel, fordert aus diesem Grund die Bereitstellung von Leihgeräten im Wintersemester, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet hat. Dies ist ein wichtiger Schritt und wäre auch schon im Sommersemester notwendig gewesen. Außerdem darf das aktuelle Semester nicht zur Regelstudienzeit zählen, denn dann fallen für viele Betroffene BAföG-Bezug oder der Platz im Studierendenwohnheim weg. Letzte Woche hat der bayrische Landtag diese Forderung – reichlich spät, aber zum Glück noch vor Ende des Semesters – gesetzlich verankert.

ArbeiterKind.de Augsburg freut sich, allen aus nichtakademischen Haushalten, die Fragen zum Studieren haben, mit Rat und Tat weiterzuhelfen. Interessierte können sich über augsburg@arbeiterkind.de an die Gruppe wenden oder bei dem offenen Stammtisch vorbeischauen, der jeden ersten Mittwoch im Monat stattfindet. Normalerweise trifft man sich im Annapam, aktuell wird der Stammtisch über zoom abgehalten. Auch einen Instagram Account hat die Gruppe.